Fast surreal

Es ist wieder sehr warm diesen Sommer, oft genug wird die Wärme ja drückend und belastend, also eh eine gute Idee öfter mal im Wald zu laufen.
Aber dann gibt es diese ganz seltenen Tage wie gestern.
Trotz Wärme herrscht eine eigenartige, fast surreale Stimmung.

Die Luft ist kristallklar, nur ein lauer Wind, grade richtig zu Kühlung.
Die Sonne gleißend hell, die ganze Welt besteht aus Kontrast, aus scharfen Kanten, harten Schatten.
Im Wald noch ausgeprägter, fast rasiermesserscharf ist es zwischen Licht und Schatten, dazu trotz der derzeitigen üblen Trockenheit, erstaunlich angenehme Luft.

Nach 3km Straße dann dieses schlagartige Eintauchen ins Grün, in einen sattgrünen Tunnel, Waldboden, Licht und Geräusche ändern sich von einer Sekunde auf die andere. Statt von parkenden Autos, wird der Weg plötzlich durch Blätter, Gestrüpp, Farn, leichten Steigungen oder dicken Baumstämmen begrenzt.
Ich habe breite Wege oder schmale Trampelpfade zur Auswahl, eher sanfte Steigungen oder fiese Geröllrampen. Es gibt natürlich auch schroff asphaltierte Wirtschaftswege, die versuche ich zu meiden, oder zumindest am sandigen Rand zu laufen.
Und statt wie sonst die hügeligen Waldwege kraftvoll auf und ab zu rennen, hab ich mir diesmal „etwas“ mehr Zeit gelassen, nicht aufs Tempo geachtet, sondern ausgiebig diese unglaubliche Stimmung genossen, regelrecht eingesogen.
Ich hatte weder Kappe noch Sonnenbrille auf, die Licht-Schatten-Grenzen waren teilweise so heftig, dass ich das Gefühl hatte rüberspringen zu müssen um nicht zu stolpern.
Kleine Pausen an den verstreuten Trinkbrunnen mit köstlich kühlem Wasser mussten sein, ein vergeblicher Versuch ein Reh zu fotografieren war auch dabei, es war aber zu schnell wieder im Unterholz verschwunden.
Kleine Anstiege die ich sonst hochlaufe, wurden einfach mal gehend bewältigt, wieso auch nicht.
Nur die „Rodelbahn“ (der Name ist Programm), mein Weg raus aus dem Grün, zurück ins Stadtgeschehen, bin ich zum Abschluss des kleinen Waldlaufs mit ordentlich Schmackes runtergelaufen. Immer wieder ein großer Spaß übrigens hier mit den Sandalen runterzupreschen, erstaunlich wie trittsicher die Dinger sind, wenn ich bis dahin keine staubigen Beine hatte, spätestens jetzt ist es soweit.
Danach bäämm! wieder gleißend-helles Sonnenlicht, raus aus dem Wald, wieder auf Asphalt, zufrieden nach Hause traben. Eine kleine Extraschlaufe noch durch unseren Park, die 21k dürfen ruhig voll werden.

An solchen Tagen empfinde ich die Lauferei als ein noch größeres Privileg als eh schon.
Mit den Sandalen über die Waldwege traben.
Den Alltag loslassen.
Einfach nur atmen und laufen.
Ruhe.
Wie schon öfter geschrieben, ich nehme nichts davon als Selbstverständlichkeit hin, für mich ist wirklich jeder Lauf etwas besonderes, egal ob 5km oder Ultra, Winter oder Sommer, Asphalt oder Wald.
Weil ich einfach laufen kann, wann und wie ich will.

15 Kommentare

  1. Oliver, Oliver, Oliver, eine Ode ans Laufen, ich fühle mit dir, kann bestens verstehen, wie du dich gefühlt und es danach so gut in Worte gefasst hast .

    DANKE !!

    Oft genug ergeht es mir genauso wie dir – nur in anderer Umgebung,

    MANN kann es nicht besser beschreiben !

    Ja, so geht Laufen !!

    1. Genau, so geht laufen 🙂 Spaß macht es ja irgendwie immer (auch wenn man schonmal flucht und schimpft), aber es gibt eben diese seltenen Tage mit nochmal einem besonderen Kick. Diese ganz runden, diese alles-stimmt-Tage, da wird mir immer sehr bewusst wie gut ich es habe. Das ist gut für den Kopf, setzt ein gewisses Wohlfühl-Level für mehrere Tage. Einfach toll 🙂

  2. Ein cooler Lauf mit schönen Fotos, lieber Oliver!
    Du sagst, du hättest dir Zeit gelassen – aber wenn ich deine Daten auf Runalyze sehe, dann hast du trotzdem einen sehr guten Pace drauf. Super gemacht.
    Ich habe versucht, deine Rodelbahn zu identifizieren… ich glaube, die müsste ungefähr bei KM15-16 sein?
    Wir hatten am Wochenende eher kühles (21°C) und feuchtes Wetter. Nach den heissen Tagen eine sehr willkommene Abwechslung.

    Geniesse weiterhin den schattigen Wald, die schönen Lichtspiele und die erfrischende Luft!

    1. Mit Zeit lassen meinte ich, dass ich einfach mal überhaupt nicht auf die Uhr geschaut hab. Sonst prüfe ich schonmal nach den Steigungen meine HF oder auch die Pace, aber an solchen Tagen lass ich das einfach, es ist eben so wie es ist. Natürlich renne ich auf manchen Passagen trotzdem schneller, aber auf anderen hab ich sehr gebummelt 🙂
      Die Rodelbahn beginnt hier genau ab km17, zuerst etwa 350-400m starkes Gefälle, das ist meine schroffe Rennstrecke (der Weg ist zur Zeit in einem echt üblen Zustand), und geht dann noch sanft weiter gradeaus, ich biege allerdings ab und laufe nochmal mit Schmackes den letzten Teil bis zur Strasse.
      Rodelbahn

  3. Lieber Oliver,
    sehr schön geschildert! Ich finde auch, Waldläufe haben im Sommer eine ganz besondere Magie, man spürt ihn irgendwie viel stärker, intensiver. Das starke Licht- und Schattenspiel liebe ich besonders, auch wenn es einem manchmal schwer macht, stolperfrei zu laufen. Mit etwas Sorge sehe ich immer wieder abgestorbene Bäume. Ich hoffe, keine sich ausbreitende Erscheinung durch Klimawandel, wir möchten ja noch lange durch unseren Wald laufen können!
    Dir weiter viel Freude im Forst!
    Liebe Grüße
    Elke

    1. Eine besondere Magie, so kann man es auch nennen, stimmt. Zu dem Licht-und Schattenspiel kommt bei uns noch eine teilweise echt schlechte Wegequalität. Beziehungsweise, überall wurde gebuddelt um die Regenmassen besser abzuleiten, in den letzten zwei Jahren wurden manche Wege regelrecht weggespült. Für Spaziergänger und Radfahrer ist das grade sehr ungemütlich, für Läufer ein Genuss 🙂 Die Bäume sehen hier soweit ganz ok aus, aber das ist nur meine regionale Sicht, dem Wald geht leider nicht gut. Hoffen wir dass wir die grüne Pracht noch lange geniessen können!

  4. Beim Lesen vermisse ich jetzt wirklich meine Heimat Rheinland Pfalz und den Wald, in dem ich aufgewachsen bin. Ich war gerade in Brandenburg in einer herrlichen Umgebung mit unzähligen Seen und habe daher eine gute Dosis Natur abbekommen, von der ich hier in der Stadt noch ein paar Wochen zehren kann. Ich kenne diese magischen Momente beim Laufen, insbesondere auch im Sommer. Wenn ich von hier aus nordwärts aus der Stadt laufe, bin ich schnell in einer Art Heidelandschaft. Wenn dann die Grillen zirpen, das Korn hoch steht und sich die Sonne rot färbt, dann fühle ich mich einfach nur beschenkt von leben, gesund zu sein und sowas. Da packt einem die Demut!

    1. Unsere Stadt ist zum Glück nicht so groß, nach 3-4km bin ich raus, entweder am Rhein oder eben im Wald. Aber diese 3-4km können schonmal nerven. Am Rhein sind Wiesen und tolle Sonnenuntergänge, Schafe, Sandstrände, superschmale Trampelpfade, ich mag das sehr. Trotzdem ist dieser Moment in den Wald regelrecht einzutauchen immer wieder besonders für mich, und ich komme ursprünglich so richtig vom Land, bin mitten im Grün aufgewachsen 🙂 Es ist in der Tat ein Geschenk, keine Selbstverständlichkeit.

  5. Lieber Oliver,
    was für eine tolle Möglichkeit, bei den sommerlichen Temperaturen in den Wald ausweichen zu können. Die Temperaturunterschiede sind ja schon zu spüren, wenn man nur den Wechsel zwischen Wiesen oder asphaltierten Flächen neben dem Weg beachtet. Und dann erst das eintauchen in den Schatten der Bäume – einfach himmlisch! 🙂

    1. Vom aufgeheizten Asphalt und Beton in den frischgrünen Wald zu laufen, das hat immer was. Das Tolle an unserem Wald ist seine Vielfältigkeit, er ist zwar nicht riesengroß, aber bietet echt viel. Und manchmal bietet er einfach noch mehr, an diesen Tagen mit besonderem Licht, oder eine Stimmung die einem fast den Atem raubt.
      Und wenn man glaubt das ist kaum zu toppen, dann rennt mir auch noch ein Reh vor die Sandalen … 🙂

  6. Lieber Oliver,

    sehr gut beschrieben! TOLL … und danke!!!

    Super sind auch deine Gedanken zur Dankbarkeit. Daran finde ich auch schön, dass wir uns immer wieder erden lassen (müssen)! Manchmal nehmen wir es als viel zu normal und nicht mehr als etwas Besonderes wahr. Da sind dann solche Anregungen, deinen Text nehme ich so für mich an, wirklich Gold wert. Nicht, dass ich es mir immer wieder auch bewusst mache … aber du weißt ja, der Alltagstrott! 😉

    Also, vielen Dank für die schönen Formulierungen!
    Gut getroffen hast du das auch mit dem Kontrast: „die ganze Welt besteht aus Kontrast, scharfe Kanten, harter Schatten. Im Wald noch ausgeprägter, fast rasiermesserscharf ist es zwischen Licht und Schatten …“

    Für mich ist es manchmal noch schwieriger, wenn ich Trails, oder Wurzelwege nutze, wie auf meinem üblichen Weg hoch zur Burg! Ein sich bewegender Schatten bei leichtem Wind und leichtem Laubbewuchs erfordert dann nochmal mehr Konzentration! … aber dann wird einfach langsamer gemacht und dankbar genossen, dass wir noch Wald haben, der bei uns im Osten und hoch zur Burg noch etwas besser aussieht, als unser wirklich kaputter Westwald!

    Genieße weiterhin deine Runden, ob am Rhein, oder auch mal im Wald, in den du so schön abtauchen kannst … ob bei surrealer Stimmung, oder an ’normalen‘ Tagen!!!

    Bleib gesund und möglichst lange so fit … damit du fit genießen kannst! 😉
    Liebe Grüße Manfred

    1. Dieses „sich erden“ finde ich immer wieder mehr als wichtig. Man muss nicht unbedingt erst mit Rückschlägen gebeutelt werden um dann zu erkennen was man so hat, es tut sehr gut einfach mal die Augen zu öffnen und zu geniessen was da ist. Es ist so viel. Ein friedlicher Nachmittagslauf im Wald bei irre tollem Licht gehört dazu. Eigentlich ein ganz normaler Tag, aber eben genau das nicht, weil er etwas besonderes ist.
      Du bist ja fast nur auf Trails unterwegs, da beneide ich dich nicht selten drum 🙂
      Ich geniesse derweil meine Runden, wo auch immer ich sie drehe, danke!

  7. Lieber Oliver,
    so toll hast du das beschrieben. Solche Tage kenne ich auch (besonders wenn die Luffeuchtigkeit im Sommer mal etwas runter geht.) Oft fühle ich mich nicht so richtig wohl auf den 5km zum Trailhead und sobald ich in den Wald eintauche ist alles ganz wunderbar vor allem für Geist und Seele. Du beschreibst die Dankbarkeit sehr schön, genau das ist warum wir laufen!
    Liebe Grüsse!

    1. Im Wald zu laufen ist immer eine kleine Auszeit, aber es gibt dann auch mal diese ganz wunderbaren Tage, du kennst das 🙂
      Ich kann es derzeit gar nicht erwarten wieder dort einzutauchen, aber erstmal sind ja leider noch ein paar Tage Pause angesagt.

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