6-Stunden-Lauf am Förderturm Bönen

Es läuft nicht immer alles wie geplant und das ist ab und zu auch ganz gut so. Einfach so, routiniert einen Ultra laufen, das wäre schön und ist toll, aber genauso gehört es dazu, sich ab und zu mal durchzubeissen wenn etwas nicht so klappt wie man möchte.
Der diesjährige 6-Stunden-Lauf um den Förderturm in Bönen, war eine echt harte Nuss für mich und absolut kein Selbstläufer. Spaß gemacht hat er aber trotzdem, es ist einfach eine tolle Veranstaltung, mit vielen bekannten Gesichtern, Freunde und sogar Fediverse Kontakte dabei, allein das war es wert mitzumachen.

Die Stundenläufe in Bönen sind berüchtigt dafür immer an echt warmen Tagen stattzufinden, nicht umsonst wird an der Strecke Wassereis gereicht. Und auch dieses Jahr war es nach einer recht angenehm temperierten Woche ausgerechnet ein echter Wetter-Ausreisser-Tag mit satten 28°C über die Mittagszeit.
Nun kenne ich mich ja und weiß dass es besser wäre, in solchen Fällen einen Gang runterzuschalten. Aber ich kenne mich eben auch und weiß dass es mir viel zu viel Spaß macht am Anfang vorne mitzumischen. Nicht immer eine gute Idee 🙂

Nach einer reibungslosen Anreise und dem schnellen Aufbau der Eigenverpflegung gab es erstmal reichlich Begrüßungen. Elke, Chris und Heidrun sind meiner Einladung gefolgt und waren zu meiner Freude dabei um das erste mal einen 6-Stünder zu laufen. Ausserdem mit in „meinem Gepäck“ war Sandalenläufer Jan, der heute seinen ersten Ultra laufen wollte (und fulminant abgeliefert hat!).
Diese kleinen feinen Veranstaltungen sind ja immer sehr familiär-freundschaftlich, „man kennt sich“ und ich hab mich echt gefreut viele bekannte Gesichter wiederzusehen.

Nach einem lockeren Briefing gings mit dem Steigerlied (das stündlich erschallen wird) auf die Strecke.
Die Runde ist 1,3km lang, hat zwei leichte Steigungen, verläuft zu 99% durch praller Sonne, ist teils asphaltiert und teils geschottert. Für mich also klar, hier  kommen wieder die geduldigen Shamma Alphas zum Einsatz, die hatten sich hier schon im letzten Jahr bewährt.

Nach dem Start ist auch nach der Vernunft.
Statt wie geplant mit einer 5:30er Pace zu starten, hatte ich mich gleich nach vorne abgesetzt und mit einem schnellen Läufer festgequatscht. Erst nach 10km dann ein Blick auf die Uhr, ich war die ganze Zeit mit ca. 4:50er Pace unterwegs! Das wird sich später rächen. Also etwas Tempo raus und die kleine 250ml Flask schnappen, die mich bis zur Schlußrunde ab jetzt begleiten wird.

Die ersten Runden verflogen einfach so, den Halbmarathon hatte ich schon mit 1:45 Stunden im Sack, fühlte mich frisch und saugut, ausser sehr kurzen Stopps zum Auffüllen der Flask (ca. jede dritte Runde) war ich einfach locker am rennen.

Als es auf km30 zuging, dämmerte mir so langsam, dass ich meine Trinkstrategie nicht im Griff hatte. Die Flask reichte nicht und vor allem musste Salz rein, also kurzer Stopp, ein Liter Iso auf ex inhaliert und Mineral-Kautabletten rein. Hitzeläufe sind nichts für mich, das weiß ich eigentlich, den Liter so hätte ich kurz nach km20 reinkippen müssen, Salztabletten von anfang an regelmäßig nehmen, hatte ich aber nicht. Diese immer gleichen lieben Fehler eben.
Bei km39 und 3:30 Stunden bin ich dann das erste mal im Marschiertempo die fiese Rampe hoch gegangen, kleine Zeichen in den Oberschenkel kündigten Krämpfe an. Tempo raus, mehr trinken, Iso rein, weiter Runde für Runde. Hier kam jetzt die Rache für den schnellen Start und der anfänglichen mangelnden Aufmerksamkeit beim Trinken.

Kilometer 45, ab jetzt wirds Ultra, nach 4:14 Stunden. Meine Waden und Oberschenkel machten immer wieder zu, ab hier wurde es hart, echt hart. Mehr trinken ging nicht, ich hatte die ganze Mineralvorrat-Wundertüte durch, keine Besserung. Tempo raus, Gehpausen und wieder anlaufen. Immer wieder.
Dass heute keine fabulösen Kilometer für mich erreichbar sind, das war schon vor dem Start klar, aber die 60 möchte ich schaffen. Irgendwie. Die folgenden 5km gehören zum härtesten was ich bisher gemacht hab, da ist wirklich nur noch der Kopf gelaufen, trotz aufflammenden Krämpfen immer wieder antraben, mit schmerzenden Oberschenkeln und Waden, durchziehen, sich berappeln, fluchen. Am VP wurde ich immer wieder von zwei Jungs angefeuert, echt gute Läufer, die bereits ausgestiegen waren, das gibt Schub. Gelitten hab ich trotzdem.

Und dann, fast genau bei km50, lief es wieder besser. Langsam, sachte, aber besser. Ab jetzt fein aufpassen, sofort langsamer werden, falls Anzeichen für einen Krampf auftauchen, diese Anzeichen sachte rauslaufen und dann wieder schneller werden. Die Rampen wieder hochlaufen wenn möglich. Gehpausen vermeiden. Das funktionierte.

Die Zeit tickte, das Ende war abzusehen, den Restmeter-Stein hab ich mir sicherheitshalber eine halbe Stunde vor Schluß geschnappt. Aber es ging noch eine Runde und noch eine und ich war fast sicher die 60 vollmachen zu können.

Plötzlich die Schlußfanfare. Anhalten, Uhr stoppen, Stein fallen lassen, auf die Uhr schauen: 59,86km ………… da musste ich mal herzhaft lachen, knapp an meinem Planziel vorbeigeschrammt. Aber es ist wie es ist, ich war am Anfang übermütig und hier war die Quittung. So ist das eben und ich war (und bin) völlig fein damit. Eigentlich sogar stolz, weil ich mich trotz allem durchgebissen hab, ein Ziel vor Augen hatte und zum Ende hin sogar wieder richtig gut in Fahrt kam.

Jetzt zurücktrotten, zum Glück war es nur ein kurzer Weg, aber erst jetzt wurde mir bewusst wie warm es war, absolut kein Wunder dass bei mir unterwegs einiges nicht so klappte wie gedacht.
Danach erstmal was essen, trinken, am Wassertrog frisch machen und zusammen mit den anderen auf Bänken rumlümmeln und das Rennen nochmal durchgehen. Elke, Chris, Heidrun und Jan sind gut durchgekommen und sehr zufrieden mit ihren erlaufenden Kilometern und zu meiner Freude auch sehr angetan von der gesamten Veranstaltung.
Jan hat sich bei seinem Ultra-Debut einen soliden 7. Platz erlaufen, das ist absolut Hammer und freut mich deshalb doppelt, weil er (im Gegensatz zu mir selbst) alle meine klugen Ratschläge befolgt hat und damit wunderbar durchgekommen ist. Geht doch 🙂

Die Siegerehrung haben wir noch mitgemacht, Ehrensache, danach gings sehr zufrieden dann ab nach Hause.

Es wurde schließlich (trotz allem) der 6. Platz für mich, ich bin voll zufrieden damit und nächstes Jahr ganz sicher wieder dabei!
Vielen Dank an die Lauffreunde Bönen!

 

Kommentare

  1. Uff – auch wenn es nicht ganz nach Plan lief: Auf diesen Lauf kannst du wirklich sehr, sehr stolz sein, Oliver!
    Da war alles drin: Hitze, Übermut, Einsicht, Krämpfe – aber vor allem BISS. Diese harten fünf Kilometer hast du dich durchgekämpft wie ein Weltmeister, und du wurdest belohnt: mit einem starken Comeback ab Kilometer 50. Das hast du super gemacht!

    Überhaupt, ich finde es immer wieder faszinierend, wie Ultraläufer irgendwann einen magischen zweiten Wind bekommen. Du hast diese harte Nuss geknackt und bist jetzt um eine wertvolle Erfahrung reicher.

    Und dann das Beste: 59,86 km! Wer braucht schon runde Zahlen, wenn man mit Charakter ins Ziel kommt?

    Hab ich das richtig gesehen, dass dein Sandalen-Buddy Jan hinter dir als 7. reingekommen ist? Top!

    1. Tja, wenn immer alles nach Plan liefe, dann könnte sowas sogar mal langweilig werden. Vielleicht wurde es einfach mal wieder Zeit, dass ich mich durch etwas duchbeissen musste 🙂 Könnte auch sein dass Remscheid (war ja nur 3 Wochen vorher) noch etwas in den Knochen lag. Wie auch immer, ich bin sauzufrieden und mir gehts heute schon wieder erstaunlich gut, hab scheinbar nicht alles gegeben
      Jan hat sich bei seinem Ultra-Debut tatsächlich einen soliden 7. Platz erlaufen, das ist absolut Hammer und freut mich deshalb doppelt, weil er (im Gegensatz zu mir selbst) alle meine klugen Ratschläge befolgt hat und wunderbar durchgekommen ist. Ich glaub das kopiere ich jetzt noch und packe es nachträglich in den Beitrag.
      Danke Catrina!
      Nächstes Jahr bin ich wieder dabei, die Veranstaltung macht Spaß, ist toll und da geht noch mehr 😉

  2. Lieber Oliver,
    nochmals ganz herzliche Glückwünsche zu deinem Lauf und Platzierung. Wen kümmern die letzten 140 Meter, Peanuts! Richtig, dass du darüber lachen kannst. Auch Jan hat das Ding richtig klasse durchgezogen, chapeau! Dann könnt ihr demnächst ja öfters als „Team Sandalieros“ antreten und die Pisten rocken 😉
    Alle Achtung, dass du dich mit solcher Pein weiter und weiter durchgebissen hast, habe es ja phasenweise mitbekommen. Das Konzept des Laufes war dabei sehr geeignet, einen alle 1,34 km zu Pause oder Beendigung zu verlocken. Aber dein unbändiger Wille zur Vorwärtsbewegung war eindeutig stärker!
    Nun aber erstmal gute Erholung und dann auf zu neuen Taten!
    PS: Wir hätten zum Vorher-Bild noch das Nachher-Bild von Schuhen und Beinen machen sollen, sowas von eingestaubt und -gepökelt war ich selten! 😉
    Liebe Grüße
    Elke

    1. Vielen Dank Elke! Ich hab mich unterwegs immer wieder gefreut, wie locker und entspannt ihr drei unterwegs wart. Das Format ist halt klasse, weil ohne Zeitdruck und alle sind gemeinsam im Ziel 🙂 Ich war etwas übermütig am Anfang und die Quittung kam prompt, aber das alles ist nicht schlimm, musste vielleicht auch mal sein. Mit meinen Ziel-Km bin ich absolut zufrieden und Jan kann einfach nur feiern, hat er richtig gut gemacht!
      An das verpasste Bild hab ich auch gedacht, zumal wir Sandaleros dann auch noch schön verdreckt zurückgefahren sind, die Duschen waren bereits wieder abgeschlossen.
      Regeneration kann ich, bin eben grade langsam-locker ein paar Kilometer von der Kfz-Werkstatt nach hause getrabt, geht schon wieder 🙂

  3. Hey Oliver,
    zunächst einmal Danke für deine lobenden Worte. Das bedeutet mir viel!
    Ich finde es super stark von dir, dass du so durchgezogen hast – Respekt!
    Obwohl ich skeptisch war und nicht recht glauben wollte, dass es Spaß macht, sechs Stunden im Kreis zu rennen, muss ich sagen, es war ganz hervorragend. Tolle Veranstaltung, tolle Menschen – ein toller Tag! Meine Mutter meinte, sie hätte mich selten so fröhlich gesehen. Schon schräg, bei dem was man sich da antut. Gestern hatte ich ziemlichen Muskelkater. Heute geht’s aber wieder.
    Mein Tipp für dich: Höre auf deine Tipps − die sind gut
    Jetzt fürchte ich bloß, dass ich Blut geleckt habe.
    Wo geht’s als nächstes hin?
    Lieben Gruß
    Jan

    1. Hallo Jan,
      ich kann mich Oliver nur anschließen, als Sandalen-Azubi hast du das ganz prima gemacht, Glückwunsch und Neid meinerseits! Ja dann auf in eine formidable Laufkarriere! Ist eh‘ das bessere Hobby als das andere von dir genannte 😉
      PS: Wir alten Säcke und Säckinnen verteilen gern gute Tipps, weil wir genau wissen, wie es ginge und es selber doch meist nicht durchhalten! 😉
      LG, Elke

    2. Hi Jan! Freut mich total dass ich dich richtig eingeschätzt und einfach eingeladen hab 🙂 Und du hast dann direkt top abgeliefert bei deinem Ultra-Debut!
      Ja klar, so ein Runden-Lauf ist speziell, aber eben auch ein tolles Umfeld um sich zu erproben und Menschen kennenzulernen.
      Ich werde schon was passendes finden, Ultra-Blut lecken ist ne gute Sache 🙂

  4. Lieber Oliver,
    Hut ab! Nicht nur vor deiner Leistung, sondern auch vor dem Durchbeißen, als es richtig hart wurde.
    Du hast es ja selbst geschrieben – Anfängerfehler passieren immer wieder und trotzdem hat es etwas sehr erfrischendes zu lesen, wie der Enthusiasmus zu Beginn des Laufs mit dir durchgegangen ist! 😀
    Beim nächsten Mal kannst du ja eine andere Strategie probieren! 😉

    1. Danke Doris, es kann eben nicht immer alles glatt laufen, umso schöner aber wenn man schon unterwegs weiß woran es liegt. Das ist ja auch eine Art Erfahrungswert.
      Nächstes mal geh ich sowas wieder strategischer an, versprochen 🙂

  5. Tja, warum kommt mir das alles soooooooooooo bekannt vor ? Es ist, als wäre ich mitgelaufen !! Genauso habe ich es oft genug auch erlebt und mich genauso durchgebissen wie DU ! Das Gefühl, im Ziel eingelaufen zu sein, sich auf die Schulter zu klopfen, happy zu sein, nimmt uns keiner, keiner, keiner !!

    “ im Marschiertempo “ Du im Marschiertempo – Überraschung !! Aber es wundert mich nicht, bei diesen Steigungen, bei diesen Temperaturen eigentlich zu erwarten und ganz “ normal “ .

    Du hast dich durchgebissen, der Kopf lenkt, die Beine funktionieren – und sieh da: es klappt !!!

    Glückwunsch zu diesem erneuten Abenteuer, ich mag diese kleinen Läufe auch sehr, habe oft genug daran teilgenommen und weiß genau, wovon du sprichst !!

    Erhole dich gut !!

    1. Danke Margitta 🙂 Du kennst das alles, weißt was sich bei fortgeschrittener Stunde, Kilometer für Kilometer in Kopf, Beinen und Bauch abspielt. Auch das nimmt uns keiner. Dieses sich selbst überwinden, durchkämpfen, anpassen und dann vielleicht sogar überrascht werden. Einfach weitermachen, auch wenn mal marschiert werden muss. Ich mag das, deshalb bin ich auch total zufrieden mit dem Ergebnis.
      Freue mich schon auf die nächsten Abenteuer, die verrate ich wenn sie durch sind 😉

  6. Lieber Oliver,

    herzlichen Glückwunsch zur Leistung bei Hitze und den Umständen, zur Platzierung und zum Biss! Sach ja: nach jedem Tief kommt wieder ein Hoch! 😆

    Ich finde, dass es sehr wertvoll ist, genau diese Erfahrungen zu machen, denk nur an den kommenden Mai. Da würdest du brutal eingehen!!! – Aber zur Not bin ich dann hoffentlich da! 😛

    Sind nicht solche kleinen Runden viel krasser für die Psyche, als meine 20er? – Ich musste mich ja nur 5 x überwinden! 😆

    Tolle Veranstaltung, tolle Verpflegungen, tolle Helfer!
    Liebe Grüße Manfred

    1. Danke Manfred 🙂 Das ganze als negative Erfahrung festzumachen, käme der schönen Veranstaltung nicht gerecht. Es war einfach mal etwas mühsamer, weil ich (mal wieder) zu schnell gestartet bin und später die Quittung dafür kassiert hab. Und ja, das ist eine wertvolle Erfahrung, jetzt muss ich mich an sowas beim nächsten Startschuss nur noch erinnern 😉
      Den kommenden Mai werde ich extrem ruhig und besonnen angehen, sonst wird das nix. Und du wirst mir dann mit mahnenden Worten im Nacken sitzen!
      Diese kurzen Runden sind Fluch und Segen zugleich, nach ca. 2 Stunden kennt man jeden Kiesel und beginnt die Rampe zu hassen. Und dann gehts aber auch immer schnell wieder „bergab“ und Richtung VP, das baut dann auf. Aber es ist schon ne Menge Kopfarbeit, genau das mag ich sehr!

  7. Ah, ab 45 km beginnt bei dir also der Ultra. Da wird Elke aber enttäuscht sein 😉
    Mein Glückwunsch zur guten Platzierung! Die knapp verfehlte Zielmarke ist natürlich bitter und erinnert mich an den 10er, für den ich 40 min und eine paar Zehntelsekunden brauchte.
    Ab morgen wird ja wieder besseres Laufwetter!

    1. Vielen Dank! Ich hätte ja einfach schneller laufen können, deshalb bin ich trotzdem sehr zufrieden mit Platzierung und Ergbnis 😉 Und Elke wohl auch, mit kluger Renneinteilung läuft man frau dann eben Mehr-als-Marathon und freut sich genau darüber.
      Irgendwo hab ich mal gelesen dass Ultra ab km45 beginnt, aber scheinbar ist das nicht so sicher, diese Veranstalter machen einfach was sie wollen!

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