Hakuna Matata

Wer verreist, der erlebt was. Manchmal sind Reisen aber so aussergewöhnlich, dass es im Nachhinein schwer fällt zu sortieren was so alles passiert ist. Unendlich viele nachwirkende Eindrücke, tolle neue Bekanntschaften, ein völlig anderes Lebensgefühl und veränderte Wahrnehmung über "Normalität".
Dies ist ein Laufblog, kein Reiseblog, also grenze ich den Umfang mal gehörig ein.
Uns hatte es zwei Wochen nach Sansibar verschlagen, eine relativ spontane Entscheidung im Dezember, ohne zu beachten was alles notwendig ist um auf die Gewürzinsel einzureisen. Reisepass erneuern, diverse Impfungen abgeholt, das notwendige Visum sollte am Flughafen schnell und unbürokratisch zu erhalten sein. Alles auf den letzten Drücker, aber alles hat geklappt.
Der Flug ging über Amsterdam nach Nairobi und weiter nach Sansibar. Erster Stopp nach der völlig abstrusen Einreise- und Visumprozedur war ein gutes Hotel in Stonetown, der Altstadt in der Hauptstadt. Erstmal ankommen, den langen Nachtflug wegstecken, ordentlich essen, ein wenig durch die geschäftigen Gassen schlurfen und auf dem Balkon des schönen Zimmers rumhängen.
Am nächsten Tag ging es weiter auf die andere Seite der Insel, nach Michamvi Kae, einem kleinen Kaff an der Westküste.
Über Freunde hatten wir vorab einen Taxi-Kontakt erhalten, der uns zuverlässig abholte und durch den völlig durchgeknallten Verkehr transportierte. Eine gute Entscheidung, der Linksverkehr, extreme Geschäftigkeit auf und neben den Strassen, sowie viel zu viele Eindrücke hätten mich als Fahrer wahrscheinlich nicht vorankommen lassen.
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Unser Hotel im ruhigen und abgelegen Michamvi Kae stellte sich als unfassbar sympathisch heraus, die neuen Besitzer waren ständig dabei den etwas runtergewirtschafteten Laden umfassend zu reparieren und einen neuen Stil reinzubringen. Acht Appartement-Hütten, alle mit Meerblick, Wohlfühlen vom ersten Moment ohne den üblichen Hotelblödsinn. Wlan gab es nur in der Umgebung der Hotelbar, auch nur sofern Strom vorhanden war. Stromausfälle sind keine Seltenheit auf Sansibar, ausserdem geht nichts besonders schnell, alles ist „pole pole“ (immer mit der Ruhe) und „Hakuna Matata“ (kein Problem), Reparaturen dauern also, Warten ist hier normaler Zeitvertreib. Als Urlauber sollte man sich also am besten ganz schnell anpassen, dann ist auch alles Hakuna Matata 🙂
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Und wie ist denn nun das Laufen bei tropischer Hitze? Tagsüber liegen die Temperaturen immer so bei 34 Grad. Da hilft nur eins, sich ganz einfach den Gepflogenheiten anpassen: pole pole. Langsam laufen.
Mein übliches Tempo und meine gewohnten Distanzen hatte ich bereits am ersten Tag in Stonetown abgehakt. Geplant war eh möglichst viel entspanntes Barfußlaufen und keine Kilometerballerei. Unser knallweisser Strand lag zwischen zwei Mangrovenwäldchen und war etwa 5km lang, ich musste immer ein paar mal hin und her laufen um einige Kilometer vollzubekommen, manchmal sind mir andere (stets grüssende) Läufer begegnet, oder der halbwilde Strandhund hat mich begleitet. Ruhe pur. Barfuß durchs flache tropischwarme Wasser zu laufen hat einen ganz eigenen Reiz.
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Da die Flut allerdings sehr hoch kam (Vollmond = Springflut), war es nach vier Tagen kaum möglich die morgendlichen „milderen Temperaturen“ um 27 Grad am Strand auszunutzen. Also doch wieder ab auf die Straße. Das fand ich zuerst nicht toll, stellte sich aber als Gewinn heraus.
Im Gepäck hatte ich nur die roten Newtons, die auch bitter nötig waren um nicht barfuß auf echt heissem Untergrund laufen zu müssen.
Anfangs noch unsicher wie ein tätowierter laufender Weisser (Muzungu) mit knallroten Schuhen so bei den Menschen ankommt, war ich schnell glücklich auf meinen kleinen Runden. Mir ist es absolut zuwider als vorlauter Tourist aufzutreten, diese Menschen leben nicht hinter dem Mond, sondern versuchen wie jeder andere auch jeden Tag ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nur eben anders als wir es gewohnt sind, damit gilt es klarzukommen. Als Besucher finde ich es daher superspannend mich auf die neuen Situationen einfach einzulassen und respektvoll sowie ohne Vorurteile Begegnungen zuzulassen.
Mit Lächeln und einem freundlichen „Jambo“ (Hallo) wich schnell jede Skepsis auf beiden Seiten. Die Sansibari sind grundsätzlich sehr freundlich und machen es Fremden wirklich sehr einfach mit ihrer ruhigen, stolzen Mentalität. Trotzdem galt zu beachten, dass man sich ausserhalb der Hotelanlagen den lokalen muslimischen Gegebenheiten anpasst, also Schultern und Knie bedecken, das gilt auch für Männer, kein Problem mit Tshirt und längerer Trailhose. Bereits am zweiten "Strassentag" wussten die Frühaufsteher und Schulkinder die zur nahen Schule strömten wer ich bin, ein gutes Gefühl.
Die roten Schuhe sahen übrigens nach einigen Kilometern auch nicht mehr rot aus, sondern grausonstwas, viel Staub und Sand fordern ihren Tribut.
Meine längste Distanz waren schäbige 15km, meine kürzeste sogar nur 6km (zu spät aus dem Bett gekommen). Manchmal bin ich morgens 10km Strasse und abends nochmal 4-5km Strand gelaufen. Zwischendurch natürlich viel schwimmen und noch viel mehr entspannen. Laufen hatte mal keine Priorität, sondern war eine schöne Ergänzung zu einem entspannten Urlaub.
Durch unser etwas unkoventionelles Hotel sind tolle Kontakte zustande gekommen und wir hatten die Möglichkeit Sansibar etwas anders kennenzulernen, könnte sehr gut sein dass es uns wieder auf diese leicht aus der Zeit gefallenen Insel verschlägt. Ich bin neugierig geworden und würde gerne noch viel mehr von der Insel kennenlernen.
Asante sana, Zanzibar. Tutakutana tena.
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13 Gedanken zu „Hakuna Matata“

  1. Lieber Oliver, dachte ich es mir doch, dass du dich in der Ferne aufhälst, erinnere mich an vergangenes Jahr, ich meine, da wärst du auch um diese Zeit – oder irre ich mich ? Egal, wie auch immer, dieses Mal Sansibar, trifft sich gut, gerade ist einer meiner Bekannten auch dort !

    Eine ganz andere Welt, die dich dort erwartete, Hitze, sogar Schuhe MUSSTEST du anziehen, um deine zarten Füße nicht zu verbrennen.

    “ Schäbige “ 15 Kilometer bist du nur am Stück gelaufen, alles, was du dort läuferisch verpasst hast, kannst du jetzt nachholen, ich denke mal, du bist bereit – und das bei Temperaturen, die du, deine Füße, dein Körper weitgehendst gewohnt sind.

    Willkommen zurück – keine Erkältung ?

  2. Lieber Oliver,
    gesund zurück, mit vielen neuen Eindrücken. Um diese zu sammeln konnte doch das Laufen auch mal die zweite (oder dritte) Geige spielen! 🙂
    Vielleicht hast du ja Glück, die hiesige Regenzeit ist vorbei und du erlebst Sonne, bei allerdings deutlich winterlicheren Temperaturen!
    Leb dich gut ein, kannst ja jetzt wieder barfuß unterwegs sein!
    LG Manfred

  3. Liebe Margitta, der Zeitpunkt war tatsächlich reiner Zufall, letztes Jahr wollte ich meinem Geburtstag „entkommen“ und dieses Jahr hat es sich einfach so ergeben. Aber ist ja auch eine schöne Jahreszeit um in die Wärme zu fliehen, das hat scheinbar auch dein Bekannter erkannt 😉
    Danke, nein, zum Glück keine Erkältung, ordentlich vorbereitet ist die halbe Gesundheit. Und weil es mit langen Strecken in der tropischen Hitze nicht so geklappt hat, war ich heute bei Minustemperaturen auch gleich wieder „auf der Piste“, hat Spaß gemacht, ist aber trotzdem irgendwie nervig plötzlich wieder so viele Klamotten anziehen zu müssen …
    Von den Eindrücken auf der Insel werde ich jedenfalls noch eine Weile zehren.

  4. Lieber Manfred, genau so war es auch, statt Kilometer zu sammeln, konnte ich nicht umhin Eindrücke zu sammeln. Hat nicht weniger Spaß gemacht und ist ja irgendwie auch ein Training, für de Kopf. Und gesund geblieben bin ich auch fast, bis auf einen kleinen unachtsamen Tritt in eine Muschel, ein Pflaster hat Abhilfe geschaffen, alles gut.
    Heute hab ich bereits Sonne und kalte Temperaturen erlebt, bin aber nur den letzten Kilometer barfuß gelaufen, ist grade zuviel Glas hier grade auf den Strassen, Karneval und Alkoholgenuss, blöde Kombi 😉

  5. Lieber Oliver,
    das liest sich ganz entspannt und geruhsam…easy going…oder pole pole…
    Die haben sich wahrscheinlich wirklich gewundert, wenn ein Fremder in der tropischen Hitze durch die Gegend rennt und schwitzt. So eine spontane Reise hat schon was, ist bei uns auch bald mal fällig, da die „Kleinen“ nicht mehr mit wollen

    Salut

  6. Lieber Christian, auch wenn wir hier extrem leistungsbezogen und schnell sind, manchmal ist ein wenig pole pole gar nicht verkehrt. Bei der Hitze geht es fast nicht anders, das lernt man zum Glück schnell wenn die Suppe den Körper runter rinnt 🙂
    Ich liebe es zu verreisen, kann nicht weit genug weg sein, es ist einfach immer lehrreich.
    Liebe Grüße, Oliver

  7. Lieber Oliver,

    da hast du einen sehr sympathischen, warmherzigen Bericht geschrieben. Und auch wenn du hier keinen Reisebericht schreiben wolltest: du hast mir richtig Lust gemacht (umständehalber eher auf weitere Bilder; keine Angst, es wäre schon kein Fotoblog draus geworden).

    Ganz im Ernst: ich freue mich immer, wenn von anderen Teilen der Erde berichtet wird, in denen die Menschen zwar im Durchschnitt ärmer sind als wir, aber doch fast immer freundlicher. So was tut gut und wir können uns eine Scheibe davon abschneiden. Danke vielmals!

    Liebe Grüße
    Wolfgang

  8. Lieber Wolfgang, ich werde noch eine Ladung Fotos auf meine Fotoseite packen, muss aber erstmal in Ruhe sichten was so dabei ist.
    Besonders angenehm fand ich, dass die Menschen mit denen ich mich unterhalten konnte, durchweg auf keinen Fall weg wollen, obwohl die Armut wirklich stark ist. Die Sansibari lieben ihre Insel und sind sehr stolz auf die Entwicklung der letzten Jahre. Es herrscht zwar starke Korruption und Mangel an vielen Dingen, aber irgendwie funktioniert erstaunlicherweise alles einigermaßen. Und vor allem ist politisch seit einigen Jahren ziemliche Ruhe, da gab es ganz andere Zeiten, noch bis in die 1990er Jahre. Es ist echtes Bemühen zu spüren diese Chance zu nutzen und das Land voran zu bringen.
    Ich muss da wieder hin 🙂
    Liebe Grüße, Oliver

  9. Moin Oliver,

    da klärt sie sich also auf, Deine lange Abwesenheit. Danke für diesen schönen Bericht. Ich freue mich immer, wenn andere mir Regionen näherbringen, die sich nur fliegend erreichen lassen, da ich leider ein Problem damit habe in Flugzeuge zu steigen.

    Urlaub darf auch gerne mal auch Urlaub vom Laufen sein. Da sollten die paar Minderkilometer doch nicht weiter ins Gewicht fallen 🙂

    Willkommen zurück und gutes Akklimatisieren.

    Liebe Grüße
    Volker

  10. Moin Volker, dank der Stromausfälle musste ich mich einfach mal aus der umtriebigen Onlinewelt ein wenig zurückziehen. War ja schon froh ab und zu Mails holen zu können 😉 Aber es gab ja eh genug zu sehen und zu erleben. Schade dass du nicht gerne fliegst, ich finde es einfach immer wieder toll mich aus meinen Gewohnheiten zu lösen und auf das Lebensgefühl anderer Länder einzulassen. Besonders wenn man sich nicht nur in der Komfortzone Hotel aufhält, sondern auch mal mehr mitbekommt. Die Minderkilometer kann ich gut wegstecken, und mal pole pole zu laufen hat auch nicht geschadet 🙂
    Danke und liebe Grüße, Oliver

  11. Servus Oliver,

    sehr schöner Reisebericht, der einen selbst beim Lesen ein bisschen mit entspannt. Auf warmen weißen Sand und Palmen hätte ich jetzt auch Lust, wenngleich ich eigentlich kein Fernreisender bin 🙂

    Beste Grüße
    Sebastian

  12. Hey Sebastian! Schön wieder von dir zu hören! Ab und zu müssen Fernreisen mit Palme einfach sein, auch um dem Kopf mal anderes Futter zu geben. Bin ja auch nicht grade jedes Jahr in der Ferne, aber dieses Jahr hat es doppelt gut getan.
    Liebe Grüße, Oliver

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