Wenn die Startnummer zur Zielzeit wird

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Der Halbmarathon im beschaulichen Himmelgeist, auch Brückenlauf genannt, gehört ganz klar zu meinen Lieblingslaufveranstaltungen. Überschaubar (maximal ca. 860 Teilnehmer), sehr freundlich, gut organisiert und die Strecke ist überwiegend flach und sogar durchaus schön.
Nachdem ich letztes Jahr nicht mitmachen konnte, ging es heute zum mittlerweile vierten Mal an den Start.
Es war um 8 Uhr schon recht warm, später auf der Strecke ging die Temperatur ziemlich fix in eine unangenehme Höhe. Wegen der zu erwartenden Hitze gab es die Möglichkeit die Strecke auf 11 km zu verkürzen, kein Thema für mich, das wurde aber von 18 Läufern wahrgenommen, also eine gute Entscheidung vom Veranstalter.

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Der Startschuss fällt immer so „ab 8 Uhr“, erst fährt noch ein Linienbus durch. Das heißt, alle müssen nochmal runter von der Straße, auf die Bürgersteige. „Traditionell“ wird die Durchfahrt des Busses dann von einer deftigen Laola-Welle aller Teilnehmer begleitet, quittiert von einem sehr breiten Grinsen des Busfahrers.
Nach der Busdurchfahrt ist jegliche vorherige gezielte Aufstellung natürlich für die Katz, alles sortiert sich dann irgendwie sehr schnell neu, der Countdown zählt runter und los gehts.
Wie bisher, lasse ich mich gar nicht erst in das Gewusel auf der Straße ziehen, sondern warte einfach kurz auf dem Bürgersteig bis sich eine kleine Lücke ergibt und sprinte dann los.
Wegen der Hitze bin ich entspannt ohne große Zeitvorgabe losgelaufen, grob geplant wäre irgendwas um 1:35 bis 1:40 völlig ok gewesen. Auf den ersten 5 km bemerkte ich dann aber schon, dass es sehr gut läuft, teilweise hatte ich eine Pace von 3:55 auf der Uhr stehen. Nicht in Übermut verfallen, lieber etwas bremsen, nicht auf den letzten Kilometern einbrechen.
Das Feld hatte sich diesmal schon früh auseinander gezogen, die schnellen Helden sind in zwei Gruppen vorgeprescht, danach folgten ein paar Einzelkämpfer, mit mir dazwischen. Schönes freies Laufen im eigenen Tempo, so mag ich das.
Schon nach etwa 4 Kilometern geht es rauf auf die Fleher Brücke zur anderen Rheinseite, die erste von sehr wenigen Steigungen und erstmal rein in die pralle Sonne. Nach der Brücke wird die Strecke überwiegend schattig, flach und schnell.
Bei Km10 rief mir ein Streckenposten die aktuelle Platzierung zu, ich bekam „32!“ mit auf den Weg und freute mich. Schon klar, irgendwelche schnellen Hirsche laufen defensiv und auf negativen Split irgendwo hinter mir, die kommen noch, den Platz werde ich nicht behalten.
Ab km12, mitten auf der zweiten Brücke, fuhr plötzlich ein Begleitungsfahrrad neben mir her, nicht für mich, sondern für die schnellste Frau die das Feld von hinten aufrollte. Eine Weile konnte ich mit ihr mithalten, hab sie dann aber ziehen lassen, da waren ein paar Gramm mehr Ehrgeiz im Spiel als bei mir.
Alle VPs wurden mitgenommen, jedesmal gab es aber nur einen Becher Wasser über den Kopf. Einen Schluck zu trinken gönnte ich mir nur einmal am letzten VP, dort hab ich dann auch ganz kurz den Kopf in eine Wasserwanne gesteckt.
Die letzten paar Kilometer geht es nach den zwei Rheinbrücken, viel Sonne, etwas Schatten und Natur wieder zurück nach Himmelgeist. Die freundlichen Einwohner hatten mal wieder mal jede Menge Wasserduschen für uns Läufer improvisiert, ein Genuss! Ich konnte nicht anders und hab fast jede mitgenommen, klatschnass und gut gekühlt war wieder mehr Tempo drin.
Auf den letzten 800 Metern wird es etwas gemein. Statt nach rechts Richtung Ziel zu laufen (gut zu sehen, sehr gut zu hören), gibt es nochmal eine kleine Schlaufe durch die Siedlung. Das ist der Demotivationshammer wenn man die Strecken nicht kennt, ich erinnere mich noch gut an meine erste Teilnahme.
Und dann plötzlich nach einer Kurve, geht es auf den schnurgraden Zieleinlauf, nochmal Dampf machen, über die Matte sprinten, Medaille abgreifen und pfiffigerweise noch etwas weiter traben (Lehrstunde Luxemburg HM).
Blick auf die Uhr: 1:29:46!
Also endlich die 1:30 geknackt! Nicht wirklich geplant und deshalb umso erfreulicher.
Der Hammer ist allerdings: ich hab teilweise in der prallen Sonne regelrecht „getrödelt“, die kurze Pause um den Kopf in den Trog zu stecken hat auch Zeit gekostet. Da ist also möglicherweise sogar noch mehr drin. Wieder ein neues Ziel.
Und nicht zu vergessen, das ganze in Fivefingers. Da wird man am Start ja immer gerne etwas belächelt, hinterher bin ich allerdings der mit dem Lächeln.
Später erst wurde mir klar, dass meine Startnummer die 129 war, passt ja wunderbar zur Zielzeit 1:29.

Im Zielbereich hab ich dann wirklich reichlich Wasser in mich reingeschüttet, noch eine Weile mit einigen mittlerweile bekannte Läufern gequatscht und mich dann zur großartigen Trecker-Dusche im „Nachzielbereich“ begeben:
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Fazit: Platz 36 von 732 Halbmarathon-Finishern.
Mir gehts super und nächstes Jahr bin ich wieder dabei.

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19 Gedanken zu „Wenn die Startnummer zur Zielzeit wird“

  1. Lieber Oliver, wenn die Startnummer kein gutes Omen war !

    Für mich sind Startnummern immer sehr “ wichtig „, wenn mir die Zahl, die darauf steht, weiß ich – oder bilde es mir ein – es wird ein guter Lauf – und bei dir ist es tatsächlich eingetroffen, die 1:30 geknackt – OHNE Trainingsplan. Glückwunsch, aber mich wundert das nicht.

    Wenn man wie du relativ kurz dabei ist, dann sind immer wieder Zeitverbesserungen drin – das motiviert, weiterzumachen, bereitet Freude und ist das Sahnehäubchen ! Das braucht der Mensch, finde ich !

    Hast dich wacker geschlagen – wieder ein Erfolgserlebnis.

    Ganz nebenbei: für mich waren die kurzen Strecken immer eine Qual, so dass ich ganz damit aufgehört und meine Liebe zu den langen Kanten entwickelt habe !

    P.S. Man sieht kaum noch etwas von deinen Armen, wird es noch mehr in puncto Tätowierungen, gibt es noch Stellen ohne – außer am Hals und Gesicht ?

  2. Lieber Oliver,
    unverhofft und nicht geplant läuft es sich wohl am Besten Ich freue mich sehr, dass Du so zufrieden und wie man lesen darf fast schon locker diese Zeit ins Ziel gebracht hast, Gratulation!
    Die Hitze kann einen schon etwas runterziehen, aber das schnelle Laufen scheint wohl mehr Kühlung zu bringen 🙂
    Regenerier mal ordentlich und ich bin gespannt, was der nächste Lauf bringt…unter 90 Minuten für den Halben ist für mich unvorstellbar

    Salut

  3. Liebe Margitta,
    ich hab das mit der Startnummer tatsächlich erst hinterher zuhause durch einen Hinweis kapiert und musste dann etwas lachen.
    Manchmal sind mir Nummern "sympathisch", manchmal nicht, oft achte ich da gar nicht drauf. Aber scheinbar war diese hier besonders sympathisch 🙂
    Halbmarathon ist für mich eine tolle Distanz um einerseits Tempo, aber auch Ausdauer zu kontrollieren, eigentlich sogar immer noch meine Lieblingsdistanz. Dass es diesmal so gut läuft, freut mich doppelt und dreifach. Aber demnächst wird es wieder erheblich länger.
    Tätowieren braucht Zeit, da sind wir immer noch geduldig am rechten Bein zugange, ich hab nur alle paar Monate mal einen Termin, das reicht auch. Arme und Rücken sind voll, Bauch noch frei (Brust voll) und das linke Bein hat noch viel Platz. Ein langwieriges Projekt, aber ist ja für immer, da bin ich geduldig 🙂
    Vielen Dank!

  4. Lieber Christian,
    einfach nur loslaufen ohne sich großartig den Kopf zu zerbrechen, das funktioniert scheinbar am besten bei mir. Sollte ich mal verinnerlichen…
    Tatsächlich kam der Wind überwiegend aus günstiger Richtung, besonders in der prallen Sonne gab es passable Luftkühlung, Überhitzung war ziemlich ausgeschlossen. Alles in allem waren die Bedingungen besser als sie erschienen und haben vermutlich dazu beigetragen dass ich (in der Tat) relativ locker laufen konnte. Ein paar Minuten sind noch drin, die möchte ich noch haben. Solange es so gut läuft, werd ich das auskosten, heute wird aber mal pausiert. Danke Dir!

  5. Lieber Oliver,
    gratuliere zu dieser „locker“ erlaufenen Spitzenzeit! 😀
    Dein Bericht klingt wirklich sehr entspannt – wahrscheinlich ist das oft das Geheimnis, eines gelungenen Wettkampfs. So bleibt mehr Energie für das Eigentliche über. 😉
    Das Zielduschenfoto mit Regenbogen ist grandios!

  6. Herzlichen Glückwunsch zur Sub 1:30 trotz Trödelei! 😀 Hammerzeit!

    Da wird also künftig noch was gehen, dann wird dann auch noch den Letzten das Lächeln wegen der FiveFingers vergehen 🙂

    Die Treckerdusche ist ja cool, nicht nur wegen des freien Blicks auf Deine Tattoos. Braucht es danach überhaupt noch eine richtige Dusche? 😀

    Gute Erholung und liebe Grüße
    Volker

  7. Danke liebe Doris, nicht jeder Kilometer war wirklich "locker", aber in Summe lief sich alles erstaunlich entspannt. Eine gewisse Lockerheit hilft auf jeden Fall Energie zu sparen, oder einige Minuten, wie in meinem Fall.
    Die Treckerdusche ist wirklich der Hit, wer hat schon einen Regenbogen im Nachzielbereich?!

  8. Danke Dir lieber Volker,
    ist mir schon klar, dass "Trödelei" etwas übermütig klingt, war aber im Vergleich zum restlichen Rennen tatsächlich so. Einige Abschnitte hab ich mir im ruhigeren Tempo gegönnt um danach wieder auf die Tube zu drücken. Das ist der Vorteil wenn die Strecke bekannt ist.
    Vielleicht ist noch ein klein wenig mehr drin, und sei es nur um Fivefingers-Kritiker zu erschrecken 🙂
    Auch wenn die letzten paar Kilometer mit Duschen gespickt waren, wollte ich doch ganz gerne nochmal in Ruhe den Schweiß abwaschen und frische Klamotten anziehen. Ausserdem muss so eine gute Idee einfach auch genutzt werden 😉

  9. Lieber Oliver,
    ganz herzliche Glückwünsche zu diesem Finish! Ja da scheint ja wirklich noch Luft nach oben zu sein! Oder ob es gerade deswegen so lief, weil Du ohne Dir Druck zu machen unterwegs warst? Wie auch immer, Dein Bericht macht richtig Lust, dort auch einmal zu starten! Diesmal allerdings hatte ich echt keine Chance 😉
    Liebe Grüße
    Elke

  10. Liebe Elke,
    vielen Dank, scheinbar hat einfach alles gestimmt und gepasst. Bisher waren die entspannten Starts eh immer die Besten, das werde ich mir in Zukunft zu Herzen nehmen.
    Mal eben aus den Bergen für einen HM nach Himmelgeist zu kommen, wäre wohl übertrieben, aber merkt euch den mal vor für nächstes Jahr. Ist wirklich eine runde und sympathische Veranstaltung, nicht weit entfernt für euch und im Ziel gibt es leckere Müsliriegel vom regionalen Bäcker 😉

  11. Lieber Oliver,
    manchmal läuft es einfach, so völlig unverhofft und trotz sengender Hitze 🙂
    Glückwunsch zu dieser irre schnellen Zeit 🙂 und tollen Platzierung.
    Und ich denke auch, da ist noch etwas Luft nach oben. Wo soll das nur hinführen? 😯
    Und wieder bestätigt sich: wer zuletzt lacht, lacht am besten 😆
    Erhol dich gut
    Liebe Grüße
    Helge

  12. Liebe Helge,
    vielen Dank, ich kenne die Strecke mittlerweile ganz gut, das läßt natürlich Tempo anziehen, aber trotzdem war ich nicht auf sub1:30 eingestellt und freue mich jetzt umso mehr.
    Bin gespannt ob ich das noch toppen kann, möglich ist es.
    Der Mann mit den Fivefingers lacht zuletzt und am besten 😀

  13. Danke Marc! Hat mich ebenfalls gefreut, bei so einer kleinen und feinen Veranstaltung klappt das wenigstens zuverlässig 🙂

  14. Die Veranstaltung ist ziemlich legendär und die Tombola im Anschluss oft ergiebig. Schirmherr und Moderator war oft Manfred Steffny. Da müsste ich eigentlich auch mal wieder mitlaufen.
    Glückwunsch zur genialen Zeit bei der Witterung!

  15. Die Tombola hab ich mir dieses Jahr gespart, aber korrekt, da gibt es Gewinne am laufenden Band.
    Mit Steffny das wusste ich gar nicht, nur dass es einen gewissen Kultfaktor gibt, sehr interessant. Alle aus der Region müssten mitlaufen! 😉
    Danke Dir!

  16. Lieber Oliver,
    ich hab ja an dich geglaubt! 😉
    Viele Läufer bestätigen, dass die Läufe, die relativ „locker vom Hocker“ gelaufen werden, auch die schnellsten sind! TOLL gemacht!
    Ich konnte auch immer über 21 bis 25 km am meisten Druck machen, aber meine guten Zeiten bin ich in meinen 30ern gelaufen! Bei dir könnte aber sicherlich noch was kommen.
    Bleib mit viel Spaß dran!
    LG Manfred

  17. Vielen Dank lieber Manfred, auch dafür dass du an mich geglaubt hast 😉 HM ist für mich eine schöne Distanz, braucht einerseits Ausdauer, andererseits kann man ordentlich rennen. Und dann noch so ein irgendwie guter Tag, da passte einiges einfach.
    Vielleicht geht tatsächlich noch was, aber jetzt sind erstmal wieder längere Sachen dran.

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