Satz mit x, der Düsseldorf Marathon 2017

Der berühmte „Satz mit x, das war wohl nix“ passt ganz gut zu meiner „Leistung“ beim diesjährigen Metro-Marathon in Düsseldorf. Die kurze Version: meine Wunschzielzeit war 3:29 Stunden, vielleicht sogar besser; geworden sind es stattdessen satte 4:01.

(Im Startbereich, noch gut drauf)

Was war passiert? Dazu folgt die lange Version, aber ich ändere jetzt schonmal den x-Satz auf „Satz mit x, macht mir nix“. Und vorweg, ich hab einen Anfängerfehler gemacht und dann mit einem spontanen Plan B trotzdem das Beste rausgeholt. Es gab kein DNF, ein sehr hartnäckiges „wer einmal aufgibt, gibt immer auf“ ist mir ständig durch den Kopf gegangen, mit so einem Mantra im Kopf muss man einfach weiterlaufen. Danke Margitta 😉
Also, die Bedingungen waren einfach traumhaft, Sonne, Temperaturen morgens kühle 10 Grad, gingen dann hoch bis 20 Grad. Allerdings sehr windig, das hat sich zwischendurch oft arg bemerkbar gemacht. Ich war (vermeindlich) gut vorbereitet, hatte echt viele lange Läufe gemacht und mich am Start super gefühlt. Die ersten 32 Kilometer waren auch klasse, alle Durchlaufzeiten absolut perfekt, die Halbmarathon-Marke hab ich sogar auf die Sekunde genau nach meinem Plan durchlaufen. Alles bestens soweit. Ich hatte Spaß, war voll mit Energie und sehr guter Dinge.
Und dann begann das unerwartete Elend. Bei Kilometer 33 machten plötzlich meine Waden dicht. Ihr kennt das, wenn sich ein Wadenkrampf ankündigt, natürlich völlig inakzeptabel in so einer Situation, aber der kommt unerbitterlich. Auch bei mir. Und zwar volles Brett. Ich war mehr erstaunt als alles andere und hab eine Gehpause eingelegt, mich gedehnt und dann langsamer weiter. Funktionierte nicht, schlimmere Krämpfe, wieder dehnen, wieder weiter. Zielzeit war da schon Geschichte. Was war nur los? Die Ausdauer war da, der Kopf willig, was sollte das also mit den Beinen?
Und da dämmerte mir der Grund. Es war schlicht und einfach ein echter Anfängerfehler. Die letzten drei Monate hatte ich ausschliesslich null-gedämpfte Schuhe an meinen Füssen, auch bei langen Läufen, und bin dann ernsthaft (weil die ja bisher immer gut waren für Marathon) mit den gedämpften Altras an den Start gegangen! Wie doof kann man eigentlich sein!?
Meine Beine waren schlicht und einfach nicht mehr gewohnt mit diesen Dingern zu laufen, das konnte nur Krämpfe geben. Ansonsten ging es mir ja top, das war kein Hammermann, Energie war da, am Stück laufen war nur einfach nicht mehr möglich. Immer wieder dehnen, dehnen, dehnen. Aber ich wollte verdammt nochmal ins Ziel.
Ein freundlicher Polizist hat das Elend beobachtet, ist zu mir gesprintet, und einfach nur gesagt: hinlegen, ich mach das. Hat er auch, Schuhe aus, Rückenlage, Beine geschnappt, gezogen und gedehnt, alles mal richtig entlastet, wohltuend! Vielen Dank nochmal dafür!!
Und dann kam die unkonventionelle aber völlig richtige Entscheidung: die Schuhe waren eh aus und es ging von nun ab einfach barfuß weiter. Das hätte ich viel früher machen sollen.
Auf den nächsten zwei Kilometern wurde es zwar nochmal eine Geduldspiel, schön langsam weiter, nicht übermütig werden, aber es lief tatsächlich wieder besser. Meine besorgte Liebste hat mich unterwegs immer wieder angefeuert und irgendwann ebenfalls zugerufen: das sieht viel besser aus, los jetzt, schaffste!
Und ich bin weiter. Das war der Punkt an dem ich mir sagte: ey, was solls, eine Erfahrung reicher, einfach durchkommen, scheiss auf die Zeit.
Ausserdem hatte ich plötzlich den „Show-Effekt“ als Barfußläufer auf meiner Seite, das spornt natürlich an, wenn da massenhaft positives Feedback von Zuschauern kommt.
Es wurden anstrengende letzte Kilometer, aber kein Vergleich zu vorher, meine Laune war immer noch gut, ich konnte durchziehen.
Das Ziel kam in Sicht, durchgelaufen bei 4:01:03, Medaille abgegriffen und ich musste kichern. Was für eine miese Zeit! Und trotzdem ok.
Der lange gemütliche Weg zum Finisher-Zelt im Nachzielbereich hat schließlich richtig gut getan, hab mich selten so gefreut mit einem Lauf fertig zu sein. Die Waden wurden erstaunlich schnell wieder locker, keine Massage nötig, bin sogar entspannt mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Schon seltsam wenn man wirklich noch reichlich Energie und Motivation hat, aber ein paar beleidigte Muskeln machen einem einen Strich durch die Rechnung. Der Lern-Effekt ist allerdings nicht zu unterschätzen.
Mir ist übrigens aufgefallen, dass ich noch bei keinem Marathon soviele Läufer mit Gehpausen gesehen hab, wie heute. Scheinbar lief es diesmal bei sehr vielen nicht wirklich optimal. Auch die angekündigten neuen Streckenrekorde sind ausgeblieben, verrückter Tag.
Ich bin zufrieden, es lief eben nicht so wie gewünscht, kann vorkommen. Wie gesagt: macht mir nix. Das Gute daran: ich weiß woran es lag. Diesen Fehler mache ich nicht nochmal. Dieses Jahr kommen noch ein paar schöne Läufe, da geb ich dann alles 🙂

12 Kommentare

  1. Lieber Oliver,
    na, da haste dich wenigstens damit belohnt, dass kein DNF im „Büchlein“ erscheinen muss! 😉
    Diese Temperaturen bei zu wenig Mineralien (Salz) hätten bei mir auch zu diesem Ergebnis führen können. So verschieden sind wir! 😆
    Gut, dass du deine Laune bewahrt hast und du weißt, dass es besser geht! LG Manfred

  2. Lieber Manfred, ich beisse mich durch, für einen DNF muss schon was fieses passieren 😉
    An Salz oder Wasser lag es nicht, hab immer wieder getrunken und auch im Laufe des Rennens Salzkapseln eingeworfen, das hat mich ja so irritiert. Es waren die Schuhe, bzw mein mangelndes Training mit diesen Schuhen. Aber wie gesagt, wieder was gelernt 🙂 LG, Oliver

  3. Lieber Oliver,

    schon bevor ich deinen Bericht gelesen hatte, konnte ich anhand der Ergebnisliste (Neugier ist mein 2. Vorname) erkennen, dass da irgendwas zwischen km 30 und 40 passiert sein musste. Vorher alles nahe am 5er Schnitt und dann irgendeine Vollbremsung.
    Jetzt – nachdem ich deinen Bericht (schon ein wenig erleichtert) gelesen habe, ist alles aufgeklärt. Und natürlich hast du recht: man sollte immer unter den Bedingungen laufen, unter denen man trainiert hat, und das hast du hier gründlich versemmelt. Obwohl: eigentlich hast du ja doch nur genau das gemacht, wovon du auch schon öfter geschrieben hast: die letzten Kilometer barfuß. Dass dich das Barfuß-Laufen ins Ziel gerettet hat, freut mich natürlich sehr, aber in der Tat hätte ich dir viel eher gewünscht, dass du deine Pace bei Kilometer 30 einfach bis ins Ziel hättest halten können.
    So aber haben sich wenigstens die vielen Male gelohnt, bei denen du die Schuhe auf den letzten Kilometern ausgezogen hast, weil du das mit untrainierten Füßen heute arg bereut hättest.

    Also für mich ein größeres lachendes und ein kleineres weinendes Auge. Und wieder ein schöner Bericht!

    Liebe Grüße
    Wolfgang

  4. Lieber Wolfgang, gut dass ich so schnell (mit noch frischen Erinnerungen) geschrieben hab 😉
    "gründlich versemmelt" trifft’s schon, aber immerhin mit Lern-Effekt. Ja, verrückt, ich "hätte" (hätte, hätte, Fahrradkette) einfach die letzten 15km barfuss laufen sollen, das wäre es gewesen. Oder eben einfach die erprobten Schuhe anziehen, statt genau an diesem Punkt nicht nachzudenken. Im Nachhinein freue ich mich natürlich über die trainierten Fußsohlen und über meine Entscheidung. So kann’s kommen, angekommen bin ich trotzdem und jetzt ist der Ehrgeiz natürlich erst richtig geweckt mehr rauszuholen. Danke und liebe Grüße, Oliver

  5. Lieber Oliver, don’t worry, be happy, ABER du hast dich wacker geschlagen, du hast durchgehalten bis zum bitteren Ende, der Satz: “ gib niemals auf “ blieb hängen, und das freut mich besonders. Aufgeben können andere, aber wir nicht !

    Ob es wirklich an den Schuhen gelegen hat, wage ich fast zu bezweifeln, kann sein, kann aber auch nicht sein, es gibt immer wieder Läufer, die während eines Rennens zu Krämpfen neigen, ich habe das noch nie erlebt. Daher noch ein Tipp: zwei bis drei Tage vor her am Tag des Laufes und noch ein zwei Tage danach ein gutes Produkt Magnesium/Kalium einnehmen, das hilft garantiert und lässt dich in deiner Wunschzeit bei guter Vorbereitung im Ziel einlaufen. Bei deiner 10 km-Zeit wäre durchaus aus meiner Sicht eine 3:15 drin gewesen. ABER – wie gesagt – don’t worry, be happy, du bist durchgelaufen, hast dich wacker geschlagen.

    Noch ein Wort zum Gehen – früher, als ich mit den Marathons begann, ist kaum einer gegangen, es gab nicht viele Läufer, die jenseits der 4 Stunden ins Ziel kamen, es waren wesentlich weniger Läufer, die sich an dieses Abenteuer wagten. Heute ist das anders, jeder meint, sich an die 42,195 km wagen zu können, das Resultat sieht man dann, indem viele Läufer gehen müssen, weil sie sich schlichtweg überschätzt haben. Marathon ist zum Volkslauf geworden, finde ich auch gut, solange man läuft !

    Erhole dich gut und schmiede neue Pläne für deinen “ Durchbruch „!

    Schön, dass es nette Menschen, wie dieser Polizist, an der Strecke gibt, oft glotzen die Leute nur blöd ! 🙄

  6. Liebe Margitta, natürlich bin ich happy, es war eine neuen Situation für mich, aber durchgebissen, nicht aufgegeben, angekommen und froh darüber genau DAS erreicht zu haben. Der nächste Marathon wird anders/besser laufen, ganz sicher. Ganz heimlich hatte ich übrigens tatsächlich mit 3:20 geliebäugelt, besonders nach meinen letzten 30km Läufen, bei denen ich mit dem Tempo gespielt hatte. Freut mich dass du zu einer ähnliche Einschätzung kommst.
    Das mit dem Magnesium/Kalium könnte auch ein weiterer Grund sein (ich schwitze stark, daher auch die Salz-Caps), vielleicht waren die Schuhe dann das i-Tüpfelchen oben drauf. Aber da bleib ich mal dran, wäre doch gelacht. Vielleicht konsultiere ich dich dazu nochmal, vor dem nächsten großem Abenteuer auf meiner Liste.
    Marathon als Volkslauf mit Fehleinschätzung, die Erklärung macht vollkommen Sinn.
    Heute ist frei, Feiertag, pure Erholung, die nächsten 14 Tage werd ich mal sehr viel kürzer treten und dann wieder durchstarten. 🙂

  7. Moin Oliver,

    witzig, mein erster Blick auf Deinem Startfoto ging auf Deinen einen dort sichtbaren Schuh und ich dachte „nanu“, nichts ahnend, dass dieses Nanu solche eine Wirkung haben sollte.

    Coole Aktion übrigens von dem Polizisten.

    Du hast das Beste draus gemacht und dabei auch noch viel Publikumswirksamkeit erzielt. Well done!

    VG Volker (für den 4 Stunden eine Traumzeit wären, der aber auch mal mit einem DNF leben kann 😉 )

  8. Moin Volker, vielleicht hätte ich mich vorher mal kurz im Spiegel anschauen sollen, dieses "nanu" hätte helfen können. Aber die Sache ist nun eh gelaufen (haha, Wortspiel), nächstes mal gibts vorher eine bessere Kontrolle. Marathon ist halt kein Spaziergang.
    Der Polizist war großartig! Großen Dank für dieses Einsatz! Neben ihm standen übrigens zwei Sanitäter die sich aber nicht bewegt haben…
    Genau, ich hab durchgezogen und viel gelernt, irgendwie gehts ja letztlich auch darum.
    Viele Grüße aus dem heute völlig verregneten Rheinland.

  9. Nicht aufgegeben, das verdient Respekt!
    Und du hast einen sehr netten Polizisten kennnengelernt. Echt starke Aktion, ich bin begeistert!
    Ab Mai gibt es ja noch ein paar Marathongelegenheiten in der Umgebung. Da klappt es sicher besser. Wäre doch schade um das Training!

  10. Danke. Ich bin aber immer noch hin und hergerissen zwischen "selbst schuld" und " aber durchgezogen", trotzdem erstmal Haken dran.
    Mein nächstes dickes Ding ist Monschau im August, das braucht Vorbereitung, also vorher nur HM und so. Aber wer weiß, vielleicht sticht mich ja doch noch der Hafer …

  11. Hallo Oliver,
    unter den Bedingungen mit der Zeit ins Ziel gekommen ist auf alle Fälle einen dicken Glückwunsch wert! Und ansonsten: Dazugelernt, würde ich sagen, was die Wahl des Schuhwerks angeht. Doch letztendlich ist es auch immer wieder die eine Erkenntnis: Man kann nichts auf Bestellung abholen, es kann immer etwas Ungeplantes dazwischen kommen. Habe mich selber auch mal arg krampfgeplagt durch den Amsterdam-Marathon geschleppt. Aber am Ende nicht aufzugeben und das Ding zu beenden, das gibt Dir Stärke!
    Erhol Dich gut, freu Dich auf den nächsten Lauf!
    Liebe Grüße
    Elke

  12. Hallo Elke, vielen Dank! Und stimmt, ein Marathon auf Bestellung gibt es nicht, vermeindlich perfekt vorbereitet und dann ist da doch dieser eine entscheidende Fehler der alles vermasselt. Immerhin war ich direkt vor der Haustür, kein Hotel zu buchen, keine Fahrt… da hattest du mit Amsterdam wahrscheinlich erheblich mehr "Spaß". Ein paar Tage erholen (ja, auch das mache ich diesmal) und dann gehts wieder los. Jetzt erst recht 🙂
    Liebe Grüße, Oliver

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