Eine gute Entscheidung

Alle guten Dinge sind drei, so auch der dritte und letzte Teil der diesjährigen Winterlaufserie des ASV Duisburg. Für mich, wie die beiden anderen Teile auch, wieder als virtuelle Version.
Geplant war ein sehr schneller und routinierter Lauf am Rhein, dort kenn ich jeden Millimeter und kann regelrecht auf Autopilot einfach alles runterreissen. Auch geplant war eine neue Bestzeit, ich bin grade topfit für diese Distanz, 75 Minuten sollten locker dein sein, dazu absolutes Kaiserwetter, fast windstill, nicht zu kalt, nicht zu warm, alles perfekt, bessere Bedingungen gibts nicht. Lass die Sandalen auf dem Asphalt qualmen!

Aber was mich auf dieser Strecke auch erwartet, sind viele viele Fußgänger, Radfahrer, Nordicwalker, lange Hundeleinen, Skater, E-Roller … seit dem Frühstück ging mir das immer wieder durch den Kopf. Vor allem ging mir aber durch den Kopf dass ich darauf sowas von überhaupt keine Lust hab.
Also gar nicht. Null. Nullkommanull.

Um was gehts am Ende? Um nichts außer einer tolle Platzierung eines virtuellen Rennens. Mal wieder. Ich glaube ich bin mit den virtuellen Dingern mittlerweile tatsächlich durch, hatte bei dem 15k Lauf ja schon erhebliche Diskussionen mit mir selbst.

Was also tun?
Wieso statt dessen nicht einfach einen schönen Waldlauf über die Wettkampf-Distanz rennen und das dann einfach in die Wertung eintragen? Zwei Tage vorher war ich schließlich grade seit langer Zeit mal wieder 20km laufend im Aaper Wald unterwegs, das war einfach so unglaublich wohltuend.
Zack! Entscheidung gefallen.
Höhenmeter ballern, statt Asphalt bolzen. Bäume, statt Menschen. Die Hügel hochkämpfen, statt routiniert eine Strasse entlang laufen.
Also hab ich aus Teil 3 der Serie für mich einfach eine „Trail-Edition“ gemacht und auf alles gepfiffen was mir sonst wichtig ist an solchen Rennen.

Ab in den Wald.

Statt dem üblichen „warmlaufen“ und dann am „Startpunkt“ ankommen und dann die Uhr neu starten und dann losrennen, hab ich diesmal einfach tollkühn direkt an der Haustür meine Laufuhr gestartet und bin los. Die Laufgötter meinten es gut, auf den ersten 3km sind viele Ampeln, alle ware grün (oder auch mal „dunkelgrün“), ich mag es unterbrechungsfrei zu laufen. Dann endlich eintauchen in den Wald und da wusste ich: alles richtig gemacht!
Mit den Sandalen über die Waldwege rennen, Staub und Dreck und Matsch, Blätter, Äste, Steine, das macht einfach Riesenspaß! Besonders beim bergab fliegen, da spüre ich bei jedem Tritt wie stark und flexibel meine Fußgelenke durch das Minimallaufen geworden sind. Früher war ich fast verkrampft übervorsichtig bei solchen schnellen Downhills, hab jeden Schritt wohl platziert, bloß nicht umknicken. Und jetzt, einfach volles Brett runterrennen, passt schon, die Füße gleichen alles unbemerkt aus. Ein Fest!

Natürlich war der Wald nicht menschenleer, aber viel viel weniger davon und vor allem viel entspanntere Typen. Ein paar Läufer waren dabei, nette Hunde und zwei freundliche Radfahrer. Geht doch.

Die Halbzeit hab ich mit fast genau 45 Minuten erledigt, da musste ich schon schmunzeln, das ist normalerweise so in etwa meine unhektische Alltags-Trainingszeit am flachen Rhein.
Weiter gings auf und ab über mal gute und mal miese Waldwege, fordernde Steigungen und enstpannte Passagen, immer abschätzend dass ich die 21k möglichst nah an zuhause dichtmachen möchte. Und sowas klappt irgendwie ganz gut bei mir. Nach etwas über 17km und 240 Höhenmeter hatte es sich ergeben, dass ich am Waldrand Grafenberg gelandet bin, kurz gerechnet, das könnte eine Punktlandung werden, also ab nach Hause. Nochmal Gehwege und Asphalt, aber ok, geht eben nicht anders, sind nur knappe drei Kilometer.
Noch einen schnellen Schlenker durch den Zoopark um Jogger und Gänse zu erschrecken, dann einige Ampeln ignorierend durch die Nachbarschafts-Straßen gerannt, über die Bahnbrücke, biege in meine Straße ein, die Uhr piept, die 21,1km waren voll. Punktlandung mit 1:36:02.

So. Jetzt steht in der Wertung der Winterlaufserie eben diese Zahl, wen interessierts?! Ich weiß ja was ich kann, heute war es mir einfach wichtiger durch den Wald zu toben, statt um jede Sekunde auf flacher Strecke zu kämpfen. Ich hatte Spaß und dreckige Füße, dieses „Rennen“ so durchzuziehen war eine gute Entscheidung.

Und überhaupt, ich sollte wirklich öfter Waldläufe machen.

16 Kommentare

  1. Wunderbar gemacht, lieber Oliver!
    Deinen Entscheid kann ich gut nachvollziehen. Das Laufen sollte ja ein Ausgleich zum hektischen Alltag sein – und wenn das auch nur noch ein Gehetze ist, macht es keinen Spass.

    Und du bist trotz deinem genüsslichen und sehr hügeligen Waldlauf erster in deiner AK geworden! Erstaunlich! Super gemacht!

    „Verkrampft übervorsichtig“ – du beschreibst da meinen Downhill-Stil. Ich hoffe, dass ich irgendwann mich davon lösen kann. Mein nächstes Projekt!

    Noch eine Frage zur AK-Wertung: wie kannst du in der Gesamtwertung auf Platz 3 sein wenn du in den drei Läufen einmal zweiter und zwei Mal erster geworden bist?

    Viel Spass weiterhin im Wald und liebe Grüsse aus dem sonnigen Cape Town!

    1. Danke Catrina 🙂 Beim 15k Lauf hab ichs mir noch schön geredet, aber bei schönem Wetter ist es einfach zu voll auf dieser Strecke. Oder auf den anderen die für einen schnellen Lauf in Frage kommen. Und bevor ich dann auf die kleinen Nebenwege ausweiche (und kein Tempo mehr machen kann), da renn ich doch lieber gleich durch den Wald.
      Das mit der AK-Wertung versteh ich auch nicht, wenn ich die Kollegen auf Platz 1 und 2 so anschaue, müsste ich eigentlich auf 1 sein. Aber was solls, ist nicht interessant für mich, war nur ein virtueller Lauf.
      Ich hab so das GEfühl die nächsten Tage bin ich öfter auf Waldwegen unterwegs 🙂

  2. Lieber OIiver,
    ich bin sicher, dass gerade die Wahl der Strecke und die damit verbundene Freude (oder war es gar die hier zum Ausdruck kommende läuferische Exstase…?) dir deine tolle Zeit eingebracht haben. Super!
    Erstaunlich, dass dir nun Downhill so viel Spaß macht bzw. besser läuft. Ich bin da eher die Fraktion Vorsicht.
    Und mich interessiert auch wie Catrina, wie dieser 3. Platz zustande kommt…?
    Liebe Grüße
    Elke

    1. Danke Elke 🙂 Es war ja nicht so dass ich mich geschont hab, aber auch nicht völlig verausgabt, etwas Ehrgeiz trotzdem eine schöne Zeit rauszuholen war schon dabei, aber der Spaß sollte auch nicht leiden. Ganz ehrlich, ich bin immer wieder erstaunt wie trittsicher die Sandalen bei solchen schnellen bergab-Passagen sind, das macht einfach nur Spaß.
      Tja, die AK-Wertung kann ich mir auch nicht erklären, siehe mein Kommentar bei Catrina, ist aber auch egal, da leg ich bei virtuellen Rennen nie großen Wert drauf.

  3. Lieber Oliver,
    ich kann dich gut verstehen – ich war zB Samstag nicht auf den Trails weil ich einfach zu spät aufgestanden bin und dann sind auf den Trails die von mir fussläufig erreichbar sind, immer so viele Leute unterwegs. Auto fahren wollte ich nicht und so habe ich mich auf ruhige Parkwege und Strassen zurückgezogen. Toll dass bei dir der Wald so nahe ist.
    Tja das virtuelle Rennen hat sich mir nie erschlossen, aber trotz deiner Spassaktion hast du trotzdem noch die AG gewonnen – also warst du gut unterwegs.
    Liebe Grüße!

    1. Manchmal nerven Menschen einfach nur 😉 Es gibt auch hier im Wald Ecken wo viel los ist, aber das kann ich gut umlaufen. Und die richtig fiesen Singletrails hab ich mir sogar diesmal noch gespart. Aber die kommen alle in den nächsten Wochen mal dran. Zu dir passen virtuelle Rennen auch irgendwie nicht, kann ich nachvollziehen, immerhin lassen sie einem die Freiheit spontan umzudisponieren und so eine Aktion daraus zu machen. Das ist ein Pluspunkt. Vielen Dank!

  4. Macht einfach nur Spaß von deiner – auch aus meiner Sicht- sehr guten Entscheidung zu lesen. Aus jedem Wort liest man die Freude am Laufen – warum gefällt mir das schon wieder ? Kein Krampf, einfach nur Lauffreude pur – das mag ich, sehr sogar, dazu noch höchst zufrieden mit der eigenen Leistung, was will MANN mehr, schneller Hirsch ??

    Super Zeit – gratuliere !

    1. Ist schon lustig wenn man sich vorgenommen hat eine neue PB zu laufen, dazu auch locker in der Lage ist, aber dann einfach keine Lust auf völliges Auspowern hat. Und wie leicht mir dann (dank der Freiheit eines virtuellen Rennes) die Entscheidung gefallen ist einfach was anderes zu machen. Ein reales Rennen hätte ich natürlich volles Brett durchgezogen. Aber in diesem Fall bin ich mehr als zufrieden über Entscheidung und Ergebnis. Und Spaß hatte ich allemal.
      Danke 🙂

  5. Lieber Oliver,

    tja, ein fitter, schneller Hirsch fühlt sich vor allem im Wald am wohlsten! 😆

    Ich habe mir gerade ein tolles Waldstück erschlossen (neuer Post), dass ich bisher immer umrundet habe, kann dich also nur dazu animieren, wieder mehr im Wald zu laufen! Es macht einen riesigen Spaß!!! – Früher bin ich auch gerne Straße gelaufen, vor allem, wenn ich schnell laufen wollte, aber es ist doch so toll, dass die PB so in toller Umgebung rausgesprungen ist!!!

    Schöne Serie, schöne Zeiten! – Einen Gesamt-Zweiten kann man sich noch ableiten, in Abhängigkeit seiner 10er-Zeit, aber der 3. Gesamtrang???? – Egal und genau richtig, es einfach abzuhaken!

    Bleibe ohne Verletzungen so fit, munter und gesund!
    Liebe Grüße Manfred

    1. Vielen Dank Manfred 🙂 Ich bin meistens einfach nur zu faul erstmal den Weg zum Wald zu laufen und nehme dann die gewohnten Wege am Rhein entlang, das muss sich ändern, grade jetzt im Frühling ist es ein Genuss über die Waldwege zu brettern.
      Und den dritten AK-Platz hab ich heute beim Betrachten der Gesamtliste nun auch endlich begriffen: er ergibt sich aus der Gesamtzeitsumme der drei Läufe, und in Summe waren die anderen beiden 55er eben einfach ein paar Minuten schneller. Alles korrekt also und völlig ok.
      Bleib ich! 😉

  6. Lieber Oliver,
    ich gratuliere dir zum super Abschluss dieser Winterlauf-Serie genau so wie zu deiner sehr spontanen Entscheidung, die Bestzeit der Lauffreude „zu opfern“.
    Aus deinem Bericht sprüht so viel Begeisterung, das ist einfach herrlich zu lesen. 😀

    1. Das war in der Tat eine gute Idee und Entscheidung, zumal meine Läufe der Serie eh nur virtuell waren. Gestern bin ich direkt wieder begeistert durch den Wald getobt, jetzt werden erstmal unbekannte Pfade erforscht 🙂
      Vielen Dank!

  7. Lieber Oliver,

    was soll ich schreiben, ich kann es nur bestätigen, gute Entscheidung! Für das gewählte Terrain warst Du ja auch sehr schnell unterwegs und Du weißt, dass Du es am flachen Rhein entlang kannst.

    Well done, wie der Franzose sagen würde 😀

    Liebe Grüße
    Volker

    1. Der Franzose hat in diesem Fall absolut recht, gut dass du das bestätigen kannst 🙂
      Wenn man bergab schnell rennen kann, bleiben die lahmen Bergaufpassagen immer schön ausgeglichen.
      Vielen Dank! 🙂

  8. Kann wie alle anderen hier deine Entscheidung gut nachvollziehen. Und wie du schon sagst, weißt du ohnehin, was du kannst. Du hättest eine 4:04er Pace wie zuvor auf die 10K mindestens bis K 17 oder 18 durchgehalten, danach weiß man nie so genau, weswegen es schon mal interessant ist, dass mal flach durchzuziehen. Aber bei dem Wetter im Wals kann ich dir nur auf die Schultern klopfen für die Entscheidung.

    Liebe Grüße

    1. Danke Martin, vermutlich hätte ich eine neue PB hingelegt, aber eben auf virtueller Strecke, nicht offiziell vermessener Strecke. Am wenigesten Bock hatte ich auf die vielen Menschen, nur um hinterher womöglich noch unzufrieden zu sein, weil durch das viele Ausweichen noch kostbare Sekunden verschenkt wurden. Da lieber mit Schmackes durch den Wald toben und ein wenig „loslassen“ vom Wettbewerbgedanken 😉

Schreibe einen Kommentar zu ultraistgut Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.